Brauchen wir 1000 zusätzliche Medizinstudienplätze?

Es ist ein einfaches Gedankenexperiment. Ein „Kübel mit Loch“ sollte nicht weiter mit Wasser befüllt, sondern in erster Linie repariert werden, damit es nicht zum unerwünschten Abfluss des Inhalts kommt. Eine sehr treffende Metapher unseres Rektors Prof. Dr. Markus Müller, die sich vor allem auf die aktuelle, gesundheitspolitische Situation im Burgenland übertragen lässt. Das Bundesland hat derzeit mit einem Defizit von 70 ärztlichen Fachkräften zu kämpfen, was mit Sicherheit ein Anlass für neue Lösungsansätze ist.

Vor einigen Tagen forderte der burgenländische SPÖ-Gesundheitslandesrat Mag. Norbert Darabos Reformen für die Aufnahme von neuen Medizinstudierenden. Ganze 1000 zusätzliche Studienplätze
sollen geschaffen werden, sowie den zahlreichen BewerberInnen ein leichterer Eintritt ins Studium ermöglicht werden, indem die Zugangsbeschränkungen vollständig aufgehoben werden.

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Abbildung 1: Abwanderungsgründe von Medizinstudierenden; Quelle: ÖH Medizin Wien

Doch ist der ÄrztInnenmangel tatsächlich auf den Umstand zurückzuführen, dass Österreich nicht genug DoktorInnen ausbildet? Oder sollte der Blickwinkel auf andere, ausschlaggebendere Probleme gerichtet werden? Die aktuellsten Statistiken der OECD (Stand Januar 2015) erzählen eine andere Geschichte. Im internationalen Vergleich bilden die MedUnis hierzulande [1] überdurchschnittlich viele MedizinstudentInnen aus. Mit etwas mehr als fünf MedizinerInnen auf 1000 EinwohnerInnen gibt es in keinem anderen Land eine so große ÄrztInnendichte wie in Österreich[2].  Auf der Suche nach dem „Loch im Kübel“, wird man feststellen, dass ein enormer Anteil der AbsolventInnen ins Ausland abwandert. Der Rest wird sich ebenfalls nicht gleichmäßig innerhalb des Landes verteilen. Es ist demnach ein entscheidender Faktor, wie attraktiv ein Arbeitsplatz für uns angehende ÄrztInnen ist. Weniger beliebte Destinationen – wie offensichtlich das Burgenland – sollten Konditionen bieten, die in der Lage sind mit anderen Regionen zu konkurrieren. Aus diesem Grund würden wir gerne die Überlegung anregen, mehr JungärztInnen für Facharzt-Ausbildungsstellen und mehr Studierende für das klinisch-praktische Jahr (KPJ) im Burgenland zu gewinnen. Dazu wäre sogar ein geringerer Aufwand notwendig, als die aktuellen Studienplätze um zwei Drittel (!) zu erhöhen.

Das KPJ in der KRAGES, Burgenlands Krankenhausträger-Holding, bietet den Studierenden momentan die gleichen finanziellen Bedingungen wie der KAV in Wien. Einen größeren Anreiz hätte der ärztliche Nachwuchs jedoch, wenn er zusätzliche Vergütungen wie Zuschüsse für Fahrtkosten, Unterkunft und eine monatliche Bonuszahlung bekäme.

Tabelle 1 Beispielrechnung KPJ-Zuschüsse

Fahrtkosten Wohnung Bonuszahlung Gesamt
120 € / Monat[3] 300 € /Monat 200 €/Monat 744.000 €/Jahr

 

Laut unserer beispielhaften Berechnung mit realistischen Zahlen, entstünden trotz Zulagen weniger Mehrkosten als die Schaffung von zwei Studienplätzen[4] und dennoch wäre der ärztliche Mangel von 70 Personen bereits in zwei Jahren überwunden, wenn man einen Verbleib von ca. einem Drittel der KPJ-Studierenden annimmt.

Selbstverständlich genügt die finanzielle Vergütung alleine nicht, damit ein Arbeitsplatz als attraktiv angesehen wird. Vielmehr sollte sie eine positive Begleiterscheinung einer hochqualitativen Ausbildung sein. Mit anderen Worten geht es hierbei um die frühzeitige und umfassende Vorbereitung des Nachwuchses auf den Arztberuf, der primär ein hohes Maß an Verantwortung abverlangt. Die Studierenden des letzten Jahres sollten insbesondere eine engmaschige Betreuung durch MentorInnen und routinierten ÄrztInnen erfahren, sodass ein kontinuierliches Feedback über die eigenen Leistungen und Fortschritte gewährleistet werden kann, in Kombination mit der Möglichkeit, vorliegende Lücken zu schließen.  Denkbar wären regelmäßige Schulungen und Fortbildungen, sowie die intensivere Involvierung von Studierenden in den Patientenkontakt und in den Lösungsfindungsprozess.

Die Verbesserung unserer Ausbildung, speziell im Hinblick auf den dritten Abschnitt, liegt mit Sicherheit im Rahmen des Umsetzbaren und hat dennoch ein hohes Potential, die Zufriedenheit von vielen JungmedizinerInnen zu steigern. Genau aus diesem Grund sollte dieser Beitrag ein Denkanstoß für jene sein, die über die Mittel verfügen, um entsprechende Veränderungen zu ermöglichen.

 

 

Wir werden uns in den nächsten Tagen noch direkt an die verantwortlichen EntscheidungsträgerInnen im Burgenland wenden und einige Lösungsvorschläge in knackiger Form übermitteln.

Stay tuned – Deine WUM

Referenzen:

[1] OECD (2016), Medical graduates (indicator). doi: 10.1787/ac5bd5d3-en (Accessed on 07 October 2016)

[2] OECD (2016), Doctors (indicator). doi: 10.1787/4355e1ec-en (Accessed on 07 October 2016)

[3] ÖBB-Ticket für 4x monatlich Wien-Mattersburg und Retour

[4] Handbuch der Universitäten 2013 (415.000 € für einen Absolventen an der MUW)

Comments 1

  1. ernest pichlbauer

    ich darf hinzufügen, dass wir in der Statistik der OECD nur die Innländer melden. Das macht sonst nur noch UK. Die Dänen wiederum haben die Besonderheit, dass sie alle neu Apporbierten – unabhängig wo sie studiert haben – dazuzählen. Das eingedenk, haben wir die meisten Abs. in der OECD

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