Forderungen ÄK-Wahl

Forderungen von WUM und Turnus Transparent an die wahlwerbenden Gruppen im Zuge der ÄK-Wahlen

Unmittelbar vor der Wiener Ärztekammerwahl am 25. 3. 2017 geht im aggressiv geführten Wahlkampf das Thema der mangelhaften Ausbildung in den Spitälern unter WUM – Wiener unabhängige Medizinstudierende und Turnus Transparent haben daher ein Forderungspapier an die wahlwerbenden Gruppen verfasst und fordern diese zur Stellungnahme dazu auf: Wie stehen Sie zu unseren Forderungen? Welche überprüfbaren Handlungen werden Sie setzen?

Wir geben uns nicht mit leeren Worten oder Lippenbekenntnissen zufrieden, sondern wollen konkrete Antworten. Auch die derzeit noch nicht wahlberechtigten Medizinstudierenden werden sich merken, wer für sie eintrat und wer nicht.

Bitte übermitteln Sie uns Ihre Antworten bis zum 15.03.2017 (11:00) per e-Mail an

[email protected]

Danke!

Was ist unser Ziel?

Nach der Einführung des EU-konformen Arbeitszeitgesetzes haben FachärztInnen deutlich weniger Zeit, sich um die Fortbildung der JungmedizinerInnen zu kümmern. Die Arbeitszeit und das Personal wurden reduziert, das PatientInnenaufkommen blieb unverändert. Folglich müssen nun gleich viele PatientInnen in weniger Zeit behandelt werden.

ÄrztInnen in der Basisausbildung verbringen zu viel Zeit mit Administration, zu wenig mit PatientInnen. Die Ausbildung leidet und unsere KollegInnen wandern aus, um im Ausland bessere Ausbildungsbedingungen zu suchen.

Laut Schätzungen sind in den letzten 10 Jahren bis zu 8.000 ÄrztInnen ins Ausland abgewandert. Die gesamte Ausbildung eines Medizinstudierenden kostet den österreichischen Steuerzahler rund 400.000 Euro. Diese Summe geht verloren, wenn einE MedizinabsolventIn desillusioniert das Land verlässt. So werden jährlich Millionen in einen “löchrigen Kübel” (© MedUni Wien-Rektor Müller) geschüttet.

Mit unseren Forderungen wollen wir bewirken, dass die Ausbildung hierzulande wieder besser wird, unsere KollegInnen in Österreich bleiben, der große Aufwand unserer erfahrenen KollegInnen entsprechend honoriert wird und Wiens PatientInnen die Gesundheitsversorgung bekommen, die Sie verdienen.

1. Ausbildung mit Qualität statt Ausbeutung mit System

  • Es soll auf gesetzliche Regelungen hingewirkt werden, FachärztInnen für Lehrtätigkeit (Bedside-teaching, Fortbildungen) in einem gewissen Mindestausmaß (z. B. 20% der gesamten Arbeitszeit) von der klinischen Tätigkeit freigestellt werden. FachärztInnen ab 60 Jahren sollen sich aussuchen dürfen, ob sie statt Nachtdiensten Lehrtätigkeit ausüben wollen.
  • Klinische Erfahrung muss an die nächste Generation weitergegeben werden. Diese Betreuung soll möglichst im 1:1 Mentor-Mentee Rahmen erfolgen.
  • Es soll ein funktionierendes und konsequentes System zur Qualitätssicherung der Ausbildungsqualität durch Ärztekammer etabliert werden, geeignete Maßnahmen dafür sind sind u. a.:
    • klar definierte Lernziele sowie Dokumentation, ob diese Lernziele erreicht wurden; die Dokumentation muss so gestaltet sein, dass sie sich im klinischen Alltag praktikabel umsetzen lässt; Übermittlung der Dokumentation an das Ausbildungsreferat in der Ärztekammer, wo Statistiken daraus erstellt und entsprechende Konsequenzen gezogen werden.
    • klar definierte Anforderungen an die jeweiligen Abteilungen, die erfüllt werden müssen, damit ÄrztInnen bzw. KPJler ausgebildet werden dürfen
    • die Einhaltung dieser Anforderungen muss verpflichtend sein bzw. aus dem Nicht-Einhalten der Anforderungen muss resultieren, dass an der jeweiligen Abteilung keine ÄrztInnen bzw. KPJler mehr ausgebildet werden dürfen
    • regelmäßige Kontrollen durch die Ärztekammer, ob die o. g. Anforderungen eingehalten werden inkl. “site-visits” bzw. Audits oder Visitationen, sowohl routinemäßig als auch im Anlassfall bei Problemen; die Konsequenzen im Falle einer negativen Bewertung müssen klar definiert sein; alle ÄrztInnen in Ausbildung sollen “site-visits” anonym und elektronisch beantragen können.
    • Einholen von Feedback bzw. Bewertungen der auszubildenden ÄrztInnen über die Ausbildung an der jeweiligen Abteilung, z. B. mittels online-Fragebögen; es müssen klar definierte Konsequenzen bei schlechter Bewertung festgelegt werden; die Evaluationsergebnisse sollen automatisch an alle ÄrztInnen in Ausbildung via e-Mail ausgesendet werden
  • Lehrpraxis soll ab dem 1. Ausbildungsjahr (direkt nach dem Studium) anrechenbar sein.
  • Abteilungsspezifische Konzepte, die eine Beherrschung der Top10-Diagnosen von Diagnostik bis zur Therapie. Diese sollen gemeinsam von den involvierten Stakeholdern (ÄrztlicheR DirektorIn, AusbildungsverantwortlicheR, TurnusärztesprecherIn) erarbeitet werden.
  • Abteilungs- und fachspezifische Skripten zu den Top10-Diagnosen eines jeweiligen Fachgebietes. Mit diesen Skripten soll ein rascher und reibungsloser Einstieg in den Arbeitsalltag ermöglicht werden.
  • Es soll(en) ein bzw. mehrere verpflichtende(r) “Einführungstag(e)” etabliert werden, an denen in Form einer strukturierten abteilungsspezifischen Fortbildung die wichtigsten Punkte bzgl. abteilungsspezifischen Abläufen, Geräten etc. sowie die wichtigsten fachgebietsspezifischen diagnostischen und therapeutischen Schritte erklärt werden. Weiters soll ein Kennenlerngespräch mit den TurnusätzesprecherInnen stattfinden. Um seinem/ihrem Namen gerecht zu werden, soll(en) diese(r) Einführungstag(e) verpflichtend innerhalb der ersten Woche einer neuen Rotation bzw. eines neuen KPJ-Tertials stattfinden müssen. Ein solches System wäre für beide Seiten (Krankenanstalt und ÄrztIn) von Vorteil, da die Einarbeitungsphase dadurch verkürzt wird, die Ausbildung besser wird und die Patientenbetreuung effizienter durchgeführt werden kann.
  • Regelmäßige Fortbildungen (zumindest wöchentlich), die auf die Bedürfnisse von ÄrztInnen in der Basisausbildung zugeschnitten sind. Case Reports von herausfordernden Fällen zur Festigung der korrekten Behandlungsalgorithmen. „Red Flags“ müssen ebenfalls regelmäßig wiederholt werden.
  • Eigenständiges, aber supervidiertes Arbeiten von TurnusärztInnen: Führen von PatientInnenzimmern und Tätigkeiten in der Ambulanz.
  • Verpflichtende Teilnahme der TurnusärztInnen bei Morgenbesprechung und Dienstübergabe.
  • 900 Euro Ausbildungsbudget und 10 Sonderurlaubstage für Weiterbildungen in der Basisausbildung
  • 1200 Euro Ausbildungsbudget und 15 Sonderurlaubstage für Weiterbildungen während der Ausbildung zur AssistenzärztIn bzw. zur AllgemeinmedizinerIn, angelehnt an das niederösterreichische System
  • Kontinuierliche Lernsteuerung – der Wissenserwerb wird regelmäßig überprüft um den Stand der Ausbildung abzubilden.

2. Stark reduzierter Beitrag für Wohlfahrtsfonds während Ausbildung

  • Der Beitrag für den Wohlfahrtsfonds soll erstmals nach Abschluss der Basisausbildung (“Common Trunk”) fällig werden, d.h. während der Basisausbildung soll kein Beitrag für den Wohlfahrtsfonds zu entrichten sein.
  • Der Beitrag für den Wohlfahrtsfonds soll für die ersten drei Jahre der Ausbildung von derzeit jährlich 780 € auf jährlich 100€ reduziert werden
  • Der Zeitraum für den o.g. reduzierten Beitrag (von derzeit drei Jahren) soll auf die gesamte Facharztausbildung bzw. Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin ausgedehnt werden.

3. Serviceleistungen für Studierende als ÄrztInnen der Zukunft

  • Es sollen vermehrt (idealerweise kostenlose) Informationsveranstaltungen, Vorträge, Workshops, Kurse etc. der Ärztekammer speziell für Studierende angeboten werden, z. B. zu folgenden Themen:
    • Rotationen im Basisjahr (Wie lange wo rotieren? Wie organisiert man die Rotation? Welches Fach zählt als konservativ/chirurgisch?)
    • rechtliche Themen, z. B. zu KPJ – rechtliche Grundlagen, Rechte/Pflichten von KPJlern, Aufwandsentschädigungen etc.
    • wirtschaftliche Themen speziell für (zukünftige) MedizinerInnen zugeschnitten – z. B. langfristiger Vermögensaufbau, Grundlagen Buchhaltung/Rechnungswesen für Ordination etc.
    • die bereits bestehende ÄK-Schulung für Studierende “1. Nachtdienst” kostenlos anbieten (kostet derzeit 80€)
    • “Soft Skills”, z. B. Kommunikationstraining, Präsentationstraining
    • Marketing Skills, z. B. Grafik/Design, Website für Ordination
    • Deeskalations- und Selbstverteidigungstraining zum Schutz vor aggressiven PatientInnen und Angehörigen
  • Wir würden eine Kooperation mit der aus der WUM hervorgegangenen Plattform muw.academy anbieten. Die Wiener Ärztekammer stellt Vortragende und Inhalt zur Verfügung; muw.academy kann Werbung unter den Studierenden, Hilfe bei der Organisation, Anmeldetool, Räumlichkeiten etc. anbieten
  • Rechtliche Beratung für Studierende durch Experten der Ärztekammer, insb. zu Themen, die das Studium betreffen, soll etabliert werden.

4. Gemeinsam statt einsam

  • Regelmäßiger Dialog zwischen der Ärztekammer und VertreterInnen der ÖH Med Wien. Eine stärkere Vernetzung zwischen ÖH Med Wien und der Ärztekammer ist notwendig. Da diese beiden Gruppen viele gemeinsame Interessen haben, für die auch gemeinsam gekämpft werden sollte, sollen Strukturen zur besseren Vernetzung und Zusammenarbeit von Studierenden- und ÄrztInnen-VertreterInnen etabliert werden.
  • Regelmäßige (z. B. 2x oder 4x pro Jahr) offizielle Sitzungen zwischen Ärztekammerpräsidium, Turnusärztevertretern und Vorsitzteam der ÖH Med Wien sollen etabliert werden. In diesen Sitzungen soll es möglich sein, Beschlüsse zu fassen, die für beide Seiten bindend sind. Beschlüsse sollten nur dann gefasst werden können, wenn beide Seiten mit dem Beschluss einverstanden sind.
  • Auf diese Weise soll es in Zukunft besser und einfacher möglich sein, z. B. gemeinsame Pressekonferenzen und Aussendungen sowie andere gemeinsame Aktionen (s. o.) von Studierenden- und ÄrztInnen-VertreterInnen zu koordinieren.
  • Ein mögliches erstes Thema für diese neu zu etablierende Zusammenarbeit wäre, gemeinsam auf den Gesetzgeber einzuwirken, sodass dieser eine einheitliche bundesgesetzliche Regelung zu den Rechten und Pflichten von Studierenden im KPJ beschließen möge. Die derzeitigen gesetzlichen Regelungen sind unserer Meinung nach in vielen Punkten insuffizient. Insbesondere sollte eine verpflichtende Aufwandsentschädigung bundesgesetzlich geregelt werden.
  • Im Gegenzug könnten die Studierenden Seite an Seite mit den ÄrztInnen für deren Rechte kämpfen, wie es die WUM in der Vergangenheit immer wieder getan hat und auch in Zukunft tun wird.

Bitte die Stellungnahmen bis zum 15.03.2017 (11:00) an

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Die Stellungnahmen werden ausschließlich per Mail an die genannte Adresse akzeptiert!

  • JedeR ist bei in dieser Diskussion willkommen.
  • Bitte beim Kommentieren sachlich und freundlich bleiben.
  • Wir wollen Ihre volle Kritik. Wir können damit umgehen. Anderen GesprächsteilnehmerInnen antworten Sie bitte höflich.
  • Anschuldigungen sind zu vermeiden.
  • Raunzen kann jeder. Wir freuen uns über konstruktive Vorschläge.

Comments 3

  1. Michael Wendler

    Ja so isses in Österreich. Alle oben genannten Punkte waren eigentlich der Grund, warum die Ausbildung neu geschaffen wurde. Aber wie immer in Kakanien will es keiner ehrlich umsetzen (nämlich die Primarii auch nicht) und hat es bei der überhasteten Beschlußfassung keine klaren Konzepte für die involvierten Spitäler gegeben. Jetzt müsst Ihr das einfordern, was ursprünglich Konzeptinhalt war, um wenigstens das Niveau von früher zu erhalten.
    Streik wäre das einzige Mittel, aber bei Ärzten machen nur 20 % mit (Erinnere an den Streikerfolg in Dornbirn für den Turnus, der leider keine Nachfolger gefunden hat).

    Viel Erfolg, werde nie wieder bei einer Fraktion sein!!

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