Zur Kammerwahl oder wenn man wieder auf die Jungen vergisst

„Ich mache den ganzen Tag nur Aufnahmen und verpasse regelmäßig die Visite“, erzählt ein Turnusarzt aus dem Donauspital (ehemals SMZ-Ost), dem zweitgrößten Krankenhaus Wiens. Er möchte anonym bleiben, um nicht den Rausschmiss zu riskieren. Er berichtet weiter: „Ich verbringe viel Zeit damit, Befunde in den Computer einzugeben und Visitenanordnungen zu organisieren. Administration und Personalmangel gehen bei uns auf Kosten der Ausbildung.“

Nach der Einführung des EU-konformen Arbeitszeitgesetzes haben FachärztInnen deutlich weniger Zeit, sich um die Fortbildung der JungmedizinerInnen zu kümmern. Die Arbeitszeit und das Personal wurden reduziert, aber das PatientInnenaufkommen blieb unverändert. Folglich müssen nun gleich viele PatientInnen in weniger Zeit behandelt werden.

„Für die klinische Ausbildung am Krankenbett findet sich kaum noch Zeit. Es müssten erfahrene KollegInnen für Bedside-Teaching und Fortbildungen freigespielt werden. Außerdem müsste Lehrtätigkeit honoriert werden. Die Ausbildungsqualität an Österreichs Abteilungen gehört anonym von JungärztInnen bewertet. Es gilt zu verhindern, dass weiterhin MedizinabsolventInnen scharenweise ins Ausland abwandern.“ fordert Dr. Andrei Cornea, stellvertretender Vorsitzender der Wiener Turnusärztekonferenz 2016 und Gründer von „Turnus Transparent“ (TNT), Österreichs größter Social Media-Plattform für JungmedizinerInnen. Turnus Transparent kündigt für diesen Sommer den Start eines Bewertungsportals an, auf dem Turnus- und AssistenzärtzInnen die Ausbildungsqualität an Österreichs Abteilungen bewerten können. „Bevor desillusionierte JungmedizinerInnen ins Ausland gehen, sollen sie lieber auf Turnus Transparent erfahren, welche Abteilungen gut ausbilden, und sich dort bewerben.“

Schätzungen zufolge haben wir in den letzten 10 Jahren bis zu 8.000 ÄrztInnen an das Ausland verloren. Die gesamte Ausbildung einer/eines Medizinstudierenden kostet den österreichischen Staat rund 400.000 Euro. Diese Summe geht für den Steuerzahler verloren, wenn einE MedizinabsolventIn desillusioniert das Land verlässt. Es ist daher in höchstem Maße unvernünftig, die Zugangsbeschränkungen für das Medizinstudium zu lockern und noch mehr Geld in diesen “löchrigen Kübel” (© MedUni Wien-Rektor Müller) zu schütten. Stattdessen sollten die Löcher gestopft werden und die hochqualifizierten AbsolventInnen durch eine postgraduelle Ausbildung im Land gehalten werden, die diesen Namen auch wirklich verdient.

„Der Wiener Krankenanstaltenverbund ist ein Betrieb im öffentlichen Besitz. Wenn man den Schaden für den Steuerzahler betrachtet, der durch den AbsolventInnenexodus entsteht, ist es unverständlich, dass die EntscheidungsträgerInnen nicht alles daran setzen, diese Abwärtsspirale zu stoppen“, wundert sich Markus Seibt, Mitglied der “Wiener unabhängigen Medizinstudierenden” (WUM) und Senator der MedUni Wien. KPJ-Studierende im KAV berichten unter Zusicherung ihrer Anonymität immer wieder von Missständen und chaotischer Organisation.

Zwei Wochen vor der Wiener Ärztekammerwahl geht im hitzig geführten Wahlkampf das Thema der mangelhaften klinischen Ausbildung unter. „Beim Ärztestreik am 12. September 2016 haben die SpitzenkandidatInnen auf der Bühne am Stephansplatz laut gejubelt, als eine bessere Ausbildung vom KAV gefordert wurde.“ erinnert sich Markus Seibt. „Jetzt herrscht Schweigen im Walde. Wir fordern konkrete Konzepte von den antretenden Fraktionen, wie man die Missstände in der klinischen Ausbildung beseitigt. Vereinzelte Solidaritätsbekundungen und Wahlversprechen sind uns zu wenig. Wir sind alle für eine bessere Zukunft, aber ohne konkrete Konzepte führt leider kein Weg dorthin.”

Einen großen Unterschied zur letzten Ärztekammer-Wahl gibt es heuer. Das sind die mittlerweile gut ausgebauten Social Media-Informationskanäle. Über 8.500 Fans, überwiegend ÄrztInnen und Medizinstudierende, informieren sich regelmäßig auf den beiden Facebook-Seiten von TNT und WUM.

„Wir fordern jetzt alle Fraktionen auf, die zur Wiener Ärztekammer-Wahl antreten, dass sie uns ihre Konzepte schicken, wie Sie die Situation der KollegInnen im KPJ, Turnus und Common-Trunk verbessern wollen.“ sagt Markus Seibt. „Die Antworten stellen wir gegenüber und veröffentlichen sie vor der Ärztekammerwahl.“

Dr. Andrei Cornea unterstützt diese Idee sehr gerne: „Die jungen KollegInnen haben meinen vollsten Respekt. Die Antworten der Fraktionen werden wir über die Facebook-Seiten von Turnus Transparent und WUM mehreren tausend MedizinerInnen als Wahlhilfe zur Verfügung stellen. Denn Transparenz ist uns ein großes Anliegen.“

Zu diesem wichtigen Thema gibt es eine gemeinsame Presseaussendung von TNT und WUM:

http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170313_OTS0005/wum-und-turnus-transparent-fordern-klare-konzepte-fuer-jungmedizinerinnen-von-aerztekammer-fraktionen-vor-der-wahl

Unsere Forderungen kann man hier nachlesen: https://nawum.at/forderungen-aek-wahl/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bist Du ein Roboter? *